A + B —–> A⁺ + B⁻ + 0 + U + T

Hier sammeln sich Inhalte, die mit der >>Wirklichkeit<< umgehen. Trotzdem das Sammeln von Film- und Audiobeiträgen in den Vordergrund getreten ist, besteht dieser Blog im Kern aus Textfragmenten einzelner Autoren, die über die „Jukebox“ zu einer Art Orakel verbunden sind. In dieser Schlagwortwolke versuche ich, durch Verben, Adjektive und möglichst konkrete Substantive das „Unmittelbare“ der Bedeutungen nach vorn zu stellen. Die sich derart ergebenden Wortgruppen bilden eine relevante Menge konkreter Begriffe, aus denen man spontan wählen und womöglich einen Impuls gewinnen kann.

Das Wort „wirklich“ erscheint als eine Art letzte Instanz in der Sprache oder im Denken, wie auch „echt“ oder „wahr“. So liefert es eine wichtige Orientierungsfunktion, die überall gebraucht wird. Die Auffassungen vom und die Zugänge zum Wirklichen bleiben dabei jeweils eigen. Hinter allem, was Eingang in die Welt jedweder Begrifflich- oder Bildhaftigkeit finden kann, steht notwendig ein und mehrere handelnde Menschen. So rührt auch die alte (meta)physische Frage nache „der Wirklichkeit“ jedenfalls im deutschsprachigen Raum vom viel älteren „wirken“ her und beschreibt ursprünglich menschliche Vorgänge und Tätigkeiten wie z.B. „Bilder in Stoffe wirken“. Die „Wirkung“ und deren Steigerung bzw. Fortentwicklung erscheint zumeist erwünscht, wenn es sich nicht gerade um Gift im eigenen Essen, Naturkatastrophen oder anspruchslose politische Nachrichten handelt. Für diese weniger beabsichtigten Mechanismen der Wirklichkeit – die, nebenbei bemerkt, immer etwas Bewegtes oder Bewegendes zu sein scheint – verwendet man wohl auch  meistenteils die weit negativer geladene „Auswirkung“, wenngleich es sich im Grunde um dasselbe handelt.

„Wirklich“ oder „in Wirklichkeit“ begegnen mir häufig als mehr oder weniger verdächtige Beteuerungen, die eher meine Skepsis als meine Frömmigkeit wecken. Ich suche nicht danach, und ich weiß um die Beschränktheit eigener und anderer Perspektiven. Das Wort kreuzt mal mehr und mal weniger auffällig meinen Weg. Ich weiß nicht, ob es sieben Hügel sind, über die man muss, um an die Schwelle Gottes zu gelangen, und schon gar nicht, wie sie heißen müssten. Bekanntlich gibt, wer alles wissen will, der Chance keinen Raum. Eines aber stellt sich bei der Betrachtung „der allgemeinen Lage“ für mich heraus: entgegen der Selbstverständlichkeit, mit der man von einer gewissen Wirklichkeit spricht, scheint es im allerletzten Schluss gar keine Wirklichkeit zu geben, an der nicht auch eine Einbildungskraft, ein Trieb zur äußeren Form, zum Schauspiel und eine Menge Blindheit beteiligt wäre. So stellt sich der objektive Wirklichkeits-Gedanke in seiner Grundstruktur am Ende selbst als konstruierte Über-Illusion heraus, die im Unterschied zu den anderen  Phantasieprodukten für sich beansprucht, der Wahrheit über alles eben am nächsten zu sein.  „Unwirkliches“ stellt somit eine wesentliche Voraussetzung für Wirklichkeit dar, der Ort dieses Geschehens scheint uns die Sprache, während wir alle von uns selbst her schon spüren, dass sich das Leben darin allein nicht fangen lässt. Von daher erscheint es mir ebenso dankbar, dass in der Sprache nicht nur immer Möglichkeiten, Welten und Präzisionen wohnen, sondern auch jederzeit ausreichend Ausgänge, Abflüsse und Ausflüchte zur Verfügung stehen.

Zum andern lässt sich nichts denken, was nicht in tatsächlichen Ereignissen irgendwie Ursprünge und Bindungen hätte. Tatsächlich hängt an einem Gedanken immer ein Körper mit dran, der ihn bewegt, und der wieder von ihm bewegt wird. Beim Geschichtenerzählen wie im Gerichtsprotokoll, im Werbespot wie der Gebrauchsanweisung, dem Leitartikel wie der Schimpftirade wirden in lediglich unscheinbaren Abweichungen ein und dieselben Sprachlichkeiten benutzt. Aber nur, wer die Wörter-Sprache verabsolutiert, kann behaupten, in einer endlosen Fiktion gefangen zu sein, anstatt über eine genügend stabile Atmung zu verfügen, die erlauben würde, am Prozess der (Wirklichkeits-)Fiktionalität in eine selbst beeinflussten Weise teilzunehmen.

„to have no idea about sth.“ oder „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ sind zwei beliebige Phrasen, die zusammen gesehen auf das hier Wesentliche hinweisen sollen: Das Denken und das Handeln erfüllen ihre Potentiale besser, je mehr diese beiden Pole zu der Einheit gelangen, die sie im Grunde schon sind. Man kann sich eine Menge Worte sparen, ohne dass es schadet, aber wenn man z.B. eine notwendige Handlung unterlässt, sind die Folgen nicht mehr umkehrbar.

Dieser Blog setzt dem Einknicken sein Mehr! entgegen – möge da kommen, was will. Bei „weniger“ scheint es sich sowieso um keine tragfähige Vorstellung zu handeln. War doch in der Geschichte der Menschheit allem Anschein nach dort, wo man es mit weniger versucht hat, immer der heimliche Gedanke im Spiel, es käme am Ende mehr heraus. Und da auch das Denken in Wörtern eine wirksame Handlung sein kann, bin ich zumindest noch nicht da hin gelangt, mir das gelegentliche Sammeln  zu verbieten.

„Wirklichkeit“, von aller Intention befreit, erscheint mir in der Essenz als ein Wort, das die Geister vereinen will, oder sie wenigstens in sozusagen transindividuelle Konstellationen bringt, wie z.B. die Wirklichkeitsmuster, die man als Ursache-Folge, Tatsachen oder Kommunikationen kennt. Kurz, es gibt kein Wirken, ohne dass Menschen in Austausch gelangen. Als ein offener Platz, von dem aus die Welt besser auszumessen ist, gefällt mir die Idee der Wirklichkeit am besten. „Machen wir uns nichts vor“ bedeutet unter diesen Bedingungen also „Machen wir uns alles vor“.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s