Nossrat Peseschkian

peseschkian

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„Beispiele für den Prozess des Umdenkens bieten uns die Geschichten. Die Einlinigkeit des logischen Denkens führt uns oft genug nicht aus den Schwierigkeiten hinaus, sondern – so paradox es auch scheint – tiefer in Probleme hinein. Ihr setzen die Geschichten unerwartete, verblüffende, nichtsdestoweniger >wirkliche<, >positive< Lösungen entgegen. Diese scheinen zwar der Gewohnheit und Logik zu widersprechen, wirken aber wie der Sprung aus dem Löwenkäfig eines Konfliktes.
Was >positives Vorgehen< heißt, veranschaulicht folgende Geschichte:

Die Situation des Kranken – und nicht nur des psychisch Kranken – gleicht in vieler Hinsicht der eines Menschen, der über längere Zeit hinweg nur auf einem Bein steht. Nach einiger Zeit verkrampfen sich die Muskeln, das belastete Bein beginnt zu schmerzen. Er ist kaum mehr in der Lage, das Gleichgewicht zu halten. Doch nicht nur das Bein schmerzt, die gesamte Muskulatur beginnt sich in dieser ungewohnten Haltung zu verspannen und zu verkrampfen. Der Leidensdruck wird unerträglich, der Mensch schreit um Hilfe.
In dieser Situation treffen ihn verschiedene Helfer an.
Während er weiter auf dem einen Bein stehen bleibt, beginnt ein Helfer das belastete und verkrampfte Bein zu massieren. Ein anderer nimmt sich die verkrampfte Nackenpartie vor und walkt sie nach allen Regeln der Kunst durch. Ein dritter Helfer sieht, dass der Mensch sein Gleichgewicht zu verlieren droht, und bietet ihm seinen Arm als Stütze an. Von den Umstehenden kommt der Rat, der Mensch solle vielleicht die beiden Hände zu Hilfe nehmen, damit ihm das Stehen nicht mehr so schwer falle. Ein weiser alter Mann schlägt vor, er solle daran denken, wie gut er es eigentlich hat, wenn er sich mit Menschen vergleicht, die überhaupt keine Beine besitzen. Beschwörend redet einer auf ihn ein, er solle sich vorstellen, er sei nur eine Feder, und je intensiver er sich darauf konzentriere, um so mehr würden seine Leiden nachlassen. Ein abgeklärter Alter setzt wohlmeinend hinzu: >>Kommt Zeit, kommt Rat.<< Schließlich geht ein Zuschauer auf den Leidenden zu und fragt ihn: >>Warum stehst du auf einem Bein? Mach doch das andere gerade und stelle dich darauf. Du hast doch ein zweites Bein.<<„

[…]

„Wenn ich mich mit Geschichten beschäftige, verhalte ich mich weniger wie ein typischer mitteleuropäischer Erwachsener, sondern wie ein Kind oder wie ein Künstler, dem Abweichungen von gängigen Leistungsnormen und der Zugang zur Welt der Pantasie noch zuerkannt werden. Im therapeutischen Rahmen erlauben es Geschichten, den erworbenen Charakterpanzer des Erwachsenen wenigstens versuchsweise abzulegen und frühere lustbetonte Verhaltensweisen und Einstellungen wieder aufzunehmen. Man hat das Gefühl, Geschichten beim bloßen Zuhören ohne jedes Nachdenken zu verstehen. Sie öffnen das Tor zur Phantasie, zum bildhaften Denken, zum ungebundenen und ungestraften Agieren mit Phantasieinhalten, zum Staunen und Wundern. Sie sind gewissermaßen Träger der Kreativität und somit ein Mittler zwischen lustbetontem Wollen und der Wirklichkeit. Damit modellieren die Geschichten eine Beziehung zu den persönlichen Wünschen und den Zielen der nahen und fernen Zukunft. Geschichten geben Raum für Utopien, den Alternativen zur Wirklichkeit.“

  • Nossrat Peseschkian: Der Kaufmann und der Papagei. Orientalische Geschichten in der Positiven Psychotherapie, 30. Aufl., Frankfurt/Main 2009 [1979], S.19/20 und 32.

Nossrat Peseschkian wurde am 18. Juni 1933 in Kaschan/Iran geboren und starb am 27. April 2010 in Wiesbaden; Todesursache: unbekannt.

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4 Antworten zu Nossrat Peseschkian

  1. Beat Company schreibt:

    Ja, ich konnte ihn hier in Wiesbaden noch kennenlernen. Eine aussergewöhnliche Persönlichkeit !

    Gefällt 1 Person

    • --- schreibt:

      danke für den Kommentar. mich würde weiter interessieren, ob du sagen kannst, was Nossrat Peseschkian getan hat, das dich so besonders positiv urteilen lässt? habe das buch und den menschen erst heute entdeckt, und das buch bringt in einer unglaublichen dichte begriffe zusammen, die mich seit jahren beschäftigen. außerdem finde ich die Wortwahl extrem bereichernd und erfrischend..

      Gefällt 1 Person

  2. Beat Company schreibt:

    „Alte Gewohnheiten sollte man nicht auf einmal zum Fenster hinauswerfen, sondern wie einen netten Gast zur Haustür begleiten.“

    Nossrat Peseschkian

    Also: Alles zu seiner Zeit. Alte Gewohnheiten erst einmal sehen, erkennen, anerkennen, annehmen, sie kommen lassen, um sie dann in Liebe wieder gehen zu lassen und Neuem Platz zu machen. Ihnen danken, dass sie da gewesen sind, ihnen danken, dass sie ihren Zweck erfüllt haben. Und sie verabschieden wie einen lieben Gast. Und die Türe schließen. Um eine andere Türe öffnen zu können…

    Meine persönliche Begegnung bleibt hier aussen vor.

    Gefällt 1 Person

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