Philip Roth

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Natürlich ist das alles die ganze Zeit vorhanden und auch offenbar gewesen, auch wenn die es nicht gemerkt haben; doch das ist ja genau das, was sie wollen, daß Sie die Tatsachen von der Vorstellungskraft trennen und sie ihrer potentiellen dramatischen Energien berauben. Aber wozu die Vorstellungskraft unterdrücken, die Ihnen so lange gedient hat? Das erfordert schreckliche Disziplin, ich weiß, doch wozu die Mühe? Zumal das Ausschalten der Vorstellungskraft, um zur faktischen Basis von fiktionaler Prosa zu gelangen, häufig ja das einzige ist, worauf es vielen Lesern ohnehin nur ankommt. Wie kommt es eigentlich, daß solche Leute, wenn sie über Tatsachen sprechen, das Gefühl haben, sie bewegten sich auf festerem Boden, als wenn sie über Fiktion sprechen? In Wahrheit ist es doch so, daß die Tatsachen sehr viel widersetzlicher und schwieriger zu handhaben und weniger schlüssig sind und tatsächlich gerade die Art des Nachfragens ersticken können, das die Vorstellungskraft überhaupt erst erschließt. Bei Ihrer Arbeit ist es immer darum gegangen, die Tatsachen mit der Vorstellungskraft zu verflechten, doch hier entflechten Sie sie, sie reißen sie auseinander, Sie schälen die Haut von Ihrer Imagination, indem sie ein Lebenswerk entimaginieren, und was übrigbleibt, das verstehen jetzt sogar diese Leute. Vor dreißig Jahren hält man einen >>guten<< Jungen für böse; und dadurch ist ihm eine enorme Freiheit gegeben, böse zu sein; wenn jetzt dieselben Leute diese Eröffnungspassagen lesen, wird man den bösen Buben als gut wahrnehmen, und Sie werden die freundlichste Aufnahme finden. Nun ja, vielleicht wird Sie das gründlicher überzeugen, als ich es je könnte, daß Sie wieder böse sein sollten; besser wär´s.
Natürlich haben Sie, indem Sie Ihrem Wesen nach fiktionale Figuren vermittels einer manischen Persona in die Welt hinausprojizierten, ganz offen Mißverständnissen über Sie selbst Vorschub geleistet. Doch daß manche Leute etwas falsch verstehen und überhaupt keine Ahnung davon haben, wer oder was Sie wirklich sind, legt für mich nicht den Schluß nahe, daß Sie sie eines Besseren belehren müßten. Ganz im Gegenteil – betrachten Sie es als Erfolg, daß Sie sie zu solchen Überzeugungen verführt haben; das ist es doch, worin die Aufgabe von Fiktion besteht. Wie die Dinge liegen, sind Sie nicht schlimmer dran als die meisten Menschen, die man, wie Sie wissen, oft laut vor sich hin murmeln hört: >>Keiner versteht mich und weiß um meinen wahren Wert – niemand weiß, wie ich innen wirklich bin!<< Ein Romanschriftsteller sollte diese Mißlichkeit nun aber pflegen. Was Ihnen als Schriftsteller gerade noch fehlt, wäre, von all den Leuten geliebt zu werden und Vergebung zu bekommen, die Ihnen seit Jahren gesagt haben, Sie sollten Einkehr halten – wenn es irgendetwas gibt, das einer literarischen Laufbahn den Garaus machen kann, dann ist es die liebende Vergebung, die man von seinen natürlichen Feinden erhält. Die sollen ihre Freunde nur ja immer ermahnen, Sie ja nicht zu lesen – halten Sie sich nur immer an Ihre Vorstellungskraft und machen Sie sich davon frei, denen mit dreißig Jahren Verspätung die Ansprache des guten Jungen in der Synagoge halten zu wollen. Der ganze Witz Ihrer fiktionalen Prosa (und in Amerika nicht nur der Ihren) ist ja, daß die Imagination sich immer im Übergang zwischen dem guten Jungen und dem bösen Buben befindet – das ist die Spannung, die zu aufschlußreichen Entdeckungen führt.

  • Philip Roth: Die Tatsachen. Autobiographie

Philip Milton Roth wurde am 19. März 1933 in Newark, New Jersey geboren.

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