William John Thomas Mitchell

mitchell

 Quelle

„Der Grund liegt vielmehr darin, dass ein Bild ohne einen paradoxen Trick des Bewusstseins nicht als solches gesehen werden kann. Es bedarf dazu der Fähigkeit, etwas zur gleichen Zeit als >>da<< und als >>nicht da<< zu sehen. Wenn eine Ente auf einen Lockvogel reagiert oder wenn Vögel nach den gemalten Trauben auf den legendären Bildern des Zeuxis picken, dann sehen sie keine Bilder: Sie sehen andere Enten oder wirkliche Trauben – die Dinge selbst, nicht Bilder als Dinge.
Aber wenn der Schlüssel zum Erkennen von realen, materiellen Bildern in der Welt unsere merkwürdige Fähigkeit ist, zur gleichen Zeit >>da<< und >>nicht da<< zu sagen, dann wird es fraglich, wieso geistige Bilder mysteriöser sein sollen als >>reale<< Bilder (oder umgekehrt). Der Begriff des geistigen Bildes war stets mit dem Problem befrachtet, dass geistige Bilder in der realen, uns allen gemeinsamen Erfahrung zwar eine universelle Grundlage zu haben scheinen […], dass wir aber nicht auf sie zeigen können und sagen >>da – das ist ein geistiges Bild<. Genau die gleiche Art von Problem tritt jedoch auf, wenn ich versuche, auf ein >>reales<< Bild zu zeigen und jemandem, der nicht schon weiß, was ein Bild ist, zu erklären, was das ist. Ich zeige auf ein Bild des Zeuxis und sage >>da, das ist ein Bild<< Und die Antwort wird sein: >>Meinst du diese bunte Oberfläche?<< Oder: >>Meinst du diese Trauben?<<. […]
Kein Wunder, dass das realistische, illusionistische oder naturalistische Abbild zum Zentrum eines modernen, mit der Ideologie der abendländischen Wissenschaft und des Rationalismus verknüpften weltlichen Götzendienstes geworden ist und dass seine Vorherrschaft in Kunst und Poetik, Psychologie und Philosophie bilderstürmerische Reaktionen hervorgerufen hat. Wirklich ein Wunder ist dagegen der erfolgreiche Widerstand der bildenden Künstler gegen diesen Götzendienst, ihr Beharren darauf, uns mit allen erdenklichen Mitteln auch weiterhin mehr zu zeigen, als unser Auge wahrnimmt.“

in: Bildtheorie, Hrsg. Gustav Frank, Frankfurt am Main 2008.

William John Thomas Mitchell wurde 1942 geboren.

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