Georges Bataille

bataille

„Die Theologie erhält jederzeit und überall das Prinzip einer vollendeten Welt aufrecht, und sogar noch in der Nacht von Golgatha. Es genügt, dass Gott ist. Man muss Gott töten, um die Welt in der Gebrechlichkeit der Unvollendung zu gewahren. Es drängt sich in diesem Fall dem Denken auf, dass es um jeden Preis not täte, diese Welt zu vollenden, aber das Unmögliche ist da, das Unvollendete: alles Wirkliche zerbricht, ist zerrissen, die Illusion eines unbeweglichen Stroms verfliegt, und wenn das stehende Wasser verschwunden ist, höre ich den Lärm des nahen Katarakts. […]
Ein Ganzes bedarf des Geistes, der es betrachtet: es ist nur eines im Geist. Und ebenso erscheint der Fehler des Ganzen nur im Geist. Das >>Ganze<< und der >>Fehler des Ganzen<< sind beide im Ausgang von subjektiven Elementen gegeben, doch der >>Fehler des Ganzen<< ist untergründig real. Da das Ganze eine willkürliche Konstruktion ist, läuft die Wahrnehmung des Fehlers darauf hinaus, die willkürliche Konstruktion zu sehen; der >>Fehler des Ganzen<< ist nur untergründig real, weil er mittels einer Unvollkommenheit des Willkürlichen wahrgenommen wird; die Unvollkommenheit befindet sich, wie die Konstruktion, im Irrealen: sie verweist auf das Reale.
Es gibt mithin:
bewegliche, veränderliche Fragmente: die objektive Realität;
ein vollendetes Ganzes: der Schein, die Subjektivität;
einen Fehler des Ganzen: die Veränderung, die auf der Ebene des Scheins stattfindet, jedoch eine bewegliche, fragmentierte, ungreifbare Realität enthüllt.

  • in: Die Freundschaft [Le Coupable], München 2002 [Paris 1961]

„Nietzsche hat das, was er schrieb, nie von hoher Warte aus betrachtet, und ich muss gestehen, dass darüber viel mehr und Genaueres zu sagen wäre. Im Zarathustra zum Beispiel gibt es zwar den Versuch, in einem hohen Stil zu schreiben, auf eine Weise, die es erlaubt, alles von ganz weit oben her zu sehen; aber man muss auch sagen, dass er damit bis zu einem gewissen Grad gescheitert ist. Er ist zwar gescheitert, aber vielleicht so wenig unbewusst wie nur möglich. Ich bitte Sie um die Erlaubnis, noch einige Sätze aus dem Zarathustra zu zitieren: >>Wahrlich ein Segnen ist es und kein Lästern, wenn ich lehre: >über allen Dingen steht der Himmel Zufall, der Himmel Unschuld, der Himmel Ohngefähr, der Himmel Übermuth<. >Von Ohngefähr< – das ist der älteste Adel der Welt, den gab ich allen Dingen zurück, ich erlöste sie von der Knechtschaft unter dem Zwecke.<<
Wie Sie sehen, handelt es sich im Wesentlichen darum, die Dinge, das heißt, die Existenz und die Welt, vom Zweck zu befreien. Und Nietzsche ist immer gleichen Sinnes. Er protestiert dagegen, dass man den Dingen und der Welt einen Zweck zuweist. Für ihn hat die Welt keinen Zweck, und was bleibt uns da anderes übrig, als über das, was ist, zu lachen. Kein Lachen, wie man es gewöhnlich lacht, wenn man sich dem, worüber man lacht, überlegen fühlt, sondern ein endgültiges Lachen. Man kann über die Welt nicht wie über eine Realität lachen, der man sich überlegen fühlt, sondern nur wie über eine Realität, der gegenüber man sich ganz klein fühlt, und daher ist das Lachen unter Nietzsches Bedingungen ein tragisches Lachen. Es gibt keine andere Möglichkeit, von Nietzsches Erkenntnis aus zu lachen, als bis ans Ende der Möglichkeiten des Lachens zu gehen, das heißt: auf tragische Weise lachen, lachen, als ob man im Angesicht eines Kruzifixes lachte.“

„[…] Meiner Ansicht nach ist das Lachen der Grund von allem. Unter einer Bedingung: dass es darum geht, über sich selbst zu lachen und in keinem Falle zu glauben, dass man sich des Unerträglichen entledigt hat, indem man über einen anderen lacht. Über einen anderen lachen, weil man naiverweise etwas an ihm verurteilt, heißt nicht, das Problem zu erledigen. Man entledigt sich niemals einer Sache, und indem man über einen anderen lacht, hebt man in Wirklichkeit nicht die tiefe Komplizenschaft auf, die zwischen dem Lachenden und dem Gegenstand des Lachens besteht.“

  • Georges Bataille: Friedrich Nietzsche, Gespräch unter Leitung von Georges Charbonnier, ausgestrahlt am 14. Januar 1959 von France Culture und Gespräch mit Madeleine Chapsal im Jahr 1961, in: Georges Bataille: Die Aufgaben des Geistes. Gespräche und Interviews 1948-61. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Vorwort von Rita Bischof, Berlin 2012.

Georges Bataille wurde am 10, September 1897 in Billom, Puy-de-Dôme, geboren und starb am 9. Juli 1962 in Paris; Todesursache: Arteriosklerose

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8 Antworten zu Georges Bataille

  1. Sylvia Kling schreibt:

    Dem ist nichts hinzuzufügen. Sehr kluge Köpfe, die es noch heute (und meines Erachtens nach GERADE heute) zu bewundern gilt.

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    • --- schreibt:

      Danke für Deinen Standpunkt! Ich bewundere auch manches an diesen Denk- und Lebenswegen; meine Hauptleidenschaft liegt aber darin, (GERADE;) diesen Inhalten eher Beachtung zu schenken, und den Menschen, die für sich eingestanden sind, eine gewisse Achtung entgegen zu bringen. Es wird gefährlich für einen selbst, wenn Bewunderung zur Schwärmerei wird, und diese Gefahr der Selbstaufgabe ist groß. Am Ende ist es der eigene Weg, der zählt, die Türen, die aufgehen oder nicht. Diese seltsame Reise, auf der sich früher oder später alles verliert. Mit solchem Darüber-hinaus ist man ja gewissermaßen mitten in dem Thema, das sich von da an selbst erklärt..

      Gefällt 1 Person

      • Sylvia Kling schreibt:

        Das ist wahr. Für mich ist „Bewunderung“ nicht gleichzusetzen mit „Selbstaufgabe“. Mir fehlt allerdings in unserer Zeit das Intensive. Zu Vieles geht in Gleichgültigkeiten, Oberflächlichkeiten und Ignoranz unter. Davon sich stets im gesunden Maße (ohne weltfremd zu werden) abzugrenzen, ist eine durchaus täglich neue Aufgabe. Das sehe ich – für meinen Teil – als einen Weg.

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      • --- schreibt:

        Ich verstehe, was Du meinst, und teile diese Einstellung. Bei Bataille lässt sich dahingehend viel abschauen, wie man Gespräche, Gedanken dynamisiert und Intensitäten hervorbringt. Zur hochprofessoralen Frage über den Zusammenhang von Kunst und Angst bringt er die Kriegstrompete an… in solchen Assoziationen finde ich mich stark wieder. Die Frage nach intensiverem Erleben, dafür steht der Titel dieses Blogs, neben dem Staunen und der Suche nach Ausdruck – sich organisieren im Unendlichen, sozusagen;)

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  2. ralphbuttler schreibt:

    Hat dies auf Auf dem Dao-Weg rebloggt.

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  3. --- schreibt:

    Hey, danke! Ich bin auf die Mazdaznan-Lehre so noch nie hingewiesen worden. In den 1930ern wurde ja vieles verboten, verbrannt und zerschlagen. So weit ich das sehe, mochten die Nazis im okkulten oder überhaupt weltanschaulichen Bereich keine Konkurrenz oder Alternative. Sie unterwanderten weitestgehend die Kirchen und verfolgten vieles weiter, was lange vor der Machtergreifung 33 schon als ketzerisch galt, gerade auch, da die Nazis selber auf okkulten Bewegungen aufgebaut haben. Die Mazdaznan-Lehre beruft sich selbst auf Blavatsky und Yoga-Lehren, und hat damit nicht mehr und nicht weniger „geklaut“ als andere. Bataille gestand an anderer Stelle in dem zitierten Buch seine Vearbeitung oder teilweise Integration buddhistischen Gedankengutes ohne weiteres ein – er erhob weder auf die „Beseitigung der Zwecke“ urheberrechtliche Ansprüche, noch auf die Art, Nietzsche zu lesen, welcher ja wiederum stark von Schopenhauer beeinflusst war, der wiederum Bhagavad-Gita usw. kannte und nutzte. Zu dem Zeitpunkt von Batailles Äußerung konnte man längst auf eine Menge Nietzsche-Rezeption zurückblicken. Professionelle Philosophen werden sagen, das sei ihnen transparent genug. Will man Bataille dagegen lieber als Dichter sehen, fällt mir ein Goethe-Zitat ein, das ich nicht mehr finde. In dem hieß es ungefähr, man könne schlichtweg nichts Neues erfinden, sondern eher die alten Stoffe neu erzählen/ kombinieren, – was jetzt nichts beweisen soll, die Sache setzt sich ja auch mit der Brecht-Rezeption, der Theorie der Postmoderne und vielem anderem in viele Richtungen fort (DJs!). Aber wenn man streng sein will, kann man sagen: ja Goethe, Schiller, Hölderlin usw. haben alle bei den Antiken Dichtern geklaut, und die Rockbands alle bei den Beatles usw., und ich finde dieses Denkmuster in seinem „wahren Kern“ auch schön und gut, erlebe seine Anwendung jedoch selber zumeist negativ als Sackgasse, die nicht zur genaueren Auseinandersetzung mit den Werken führt, oder sogar aktiv dagegen kämpft, oft gegenüber Aufforderungen, die gar nicht formuliert wurden. Für mich persönlich hat (in diesem Falle) Goethes Gedanke gut veranschaulicht, dass gewissermaßen kein Mensch im großen Getriebe der Welt mehr als seinen kleinen Teil beigeben kann. Und mag dieser Teil vor dem Ganzen auch klein sein, er ist zugleich schwierig genug und einem jeden gewissermaßen das, was einen ausmacht, der „Bereich“, in dem man am liebsten lebt. Wohlgemerkt, in dem Bereich, in dem wir uns hier bewegen, kommt dem Paradoxen eine produktive Funktion zu, und das gefällt mir sehr gut, da finde ich mich wieder. Wenn ich etwas lese, was ich vorher schon gedacht oder woanders ähnlich gelesen habe, genau oder ungefähr, dann freue ich mich über die neue Verbindung. Das Eigentums- und Urheberrecht berührt in meinen Augen die Frage der Zuweisungen und Autoritäten, und die scheint mir mehr mit „materiellen“ als „geistigen“, oder besser „besitztechnischen“ als „freiheitsliebenden“ Bewegungen zu tun zu haben…

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