Walter Koschatzky

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„Immer zeigt der Bruch vom Malerischen (einer Spätform) zum Zeichnerischen (einer Frühform) einen Wandel der eigenen Einschätzung und der Beziehung der Menschen zueinander, der Macht irdischer Autoritäten und des Verhältnisses zum Jenseits an. Und es scheint in der Tat zuzutreffen, was Karl Kraus, wenn auch mit dem provokanten Ton des Kulturkritikers, formulierte: Es komme gar nicht so sehr darauf an, was ein Künstler bringe, als vielmehr darauf, was er umbringe.
In allen diesen Wandlungen der Wirklichkeitssicht kommt dem Zeichnerischen die Rolle besonderer Vergeistigung zu, was insofern ein Prinzip zur Grundlage hat, als die Linie tatsächlich wirklichkeitsfremd ist. Von Generation zu Generation haben das Künstler und Denker immer wieder konstatiert. Bei Leonardo finden wir die Bemerkung über das Wesen der Linie, >>non hà in se materia o sustantia alcuna<<, sie ist körperlos und gegenstandsfern. Charles Baudelaire berichtet über Äußerungen von Eugène Delacroix (1798-1863), so aus dem Jahr 1857, dass es in der Wirklichkeit keinerlei Kontur gebe. Paul Cézanne, dessen Korrektur des Impressionismus ganz wesentlich in einer neuartigen Verflechtung von Farbtönen mit dem System seiner >>verlorenen und wiedergefundenen Linien<< bestand, Linien, die nicht einem optischen Befund entsprachen, sondern Kräfte der inneren Strukturen spürbar machen sollten, Cézanne formulierte noch klarer: >>In der Natur gibt es keine Linien.<<, doch, so fügt er hinzu, könnte sich die Kontur weit über die Bezeichnung eines Gegenstandes erheben, sich nämlich als melodische Linie verselbständigen: >>…schön an sich, enthält er noch mehr – die Deutung der Form.<< Zu einer besonders klaren Formulierung desselben Sachverhaltes gelangte Wilhelm Waetzold: >>Die Wirklichkeit, soweit sie sichtbar ist, kennt keine Linien, sie zeigt dem Auge nur aneinander grenzende Flächen und Flecken<<<, und – genau wie Wölfflin – die Linie vermöge noch mehr – nämlich Darstellung zu geben und Ausdruck zu tragen.“

  • in: Die Kunst der Zeichnung, 10. Auflage, München 2003, S. 196/197.

Walter Koschatzky wurde am 17. August 1921 in Graz geboren und starb am 9. Mai 2003 in Wien; Todesursache: unbekannt

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