Erich Fromm

fromm

„Für den Geisteskranken liegt die einzige Realität, die überhaupt existiert, innerhalb seiner selbst: die seiner Ängste und Triebe. Die Umwelt ist für ihn lediglich ein Symbol für seine Innenwelt, ist nur seine Schöpfung. Etwas ähnliches geschieht mit uns allen, wenn wir träumen. Im Traum wird das konkrete Ereignis zum Symbol innerer Vorgänge, und doch sind wir im Schlaf überzeugt, dass das Produkt unserer Träume genauso wirklich ist wie die Wirklichkeit, die wir im wachen Zustand wahrnehmen. […]

Wir haben Glauben in die eigenen Möglichkeiten wie auch in die Möglichkeiten anderer und der Menschheit in dem Grade, in dem wir die Realität unseres eigenen Wachseins und Reifens erlebt haben. Die Grundlage des rationalen Glaubens ist unsere eigene Produktivität. Im Glauben zu leben, heißt schöpferisch zu leben. […] Dann wird man auch erkennen, dass man, während man sich bewusst davor fürchtet, nicht geliebt zu werden, in Wirklichkeit und unbewusst fürchtet zu lieben. […]

Jene Menschen, die die Liebe ernsthaft als die einzige wahre Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz ansehen, müssen also zu dem Schluss kommen, dass in unserer gesellschaftlichen Struktur wichtige und radikale Veränderungen notwendig sind, wenn die Liebe zu einem gesellschaftlichen und nicht nur zu einem vereinzelten, sehr individuellen Phänomen werden soll. […]

Wenn es – wie ich aufzuzeigen versuchte – wahr ist, dass die Liebe die einzig befriedigende Antwort auf das Problem der menschlichen Existenz ist, dann muss jede Gesellschaft, die die Entwicklung der Liebe ausschließt, letzten Endes an ihrem Widerspruch zu den grundlegenden Notwendigkeiten der menschlichen Natur zugrunde gehen. Wenn man von der Liebe spricht, >>predigt<< man nicht, und zwar aus dem einfachen Grund, weil man von dem tiefsten wirklichen Verlangen spricht, das in jedem menschlichen Wesen liegt. Dass dieses Verlangen in den Hintergrund gedrängt wurde, bedeutet noch lange nicht, dass es nicht existiert. Das Wesen der Liebe zu analysieren heißt festzustellen, dass sie heute nur selten erlebt wird; es heißt aber auch, die sozialen Bedingungen zu kritisieren, die dafür verantwortlich sind Der Glaube an die Möglichkeit der Liebe als ein allgemeines und nicht nur ausnahmsweises individuelles Phänomen ist ein rationaler Glaube, der auf der Einsicht in das Wesen des Menschen beruht.“

– Erich Fromm: Die Kunst des Liebens, Teil IV., Die Praxis des Liebens [1956].

Erich Fromm wurde am 23. März 1900 in Frankfurt/Main geboren und starb am 18. März 1980 in Muralto, Schweiz; Todesursache: Herzinfarkt

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