Igor A. Caruso

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Wir wiederholen, dass wir absichtlich ein enges, alltägliches und dennoch krasses Problem anschneiden, nämlich die Lage von zwei Geliebten, die sich aus moralischen, religiösen, sozialen und utilitären Gründen (auf der Ebene des Bewusstseins!) trennen müssen. Falls man nicht von vornherein gewillt ist, die Fragestellung selbst durch fertige Theorien transzendentaler Art abzuwehren, leuchtet dem Fragenden bereits ein, dass er nicht unrecht hat, bei der Trennung solcher Art vom Tode zu sprechen: welchen Namen verdient sonst die Auslöschung bei lebendigem Leibe im Bewusstsein des Liebenden? Wir glauben nebenbei, dass diese Fragestellung vielleicht dazu befähigt ist, neue Perspektiven über das Stiefkind der Psychologie, nämlich über die Freud’sche Theorie vom <<Todestrieb>> zu eröffnen. Bereits bei der ersten Betrachtung dieses Problems ist zu vermuten, dass hier Thanatos über Eros siegt, ein <<Todestrieb>> oder Todesprinzip über die Libido, wohl im Namen der Kultur, der Moral, des Überichs u. dgl. m. Wer kann jedenfalls hier mit Sicherheit bestimmen, wo das <<wahre>> Leben ist und wo der Tod?
Aus der Fragestellung ergeben sich Feststellungen und Hypothesen, die wir hier kurz skizzieren wollen.

a) Ich-Katastrophe. In der Trennung vollzieht sich ein Tod im Bewusstsein (ob zu einem höheren Leben – bleibt vorläufig dahingestellt und ist jedenfalls anzuzweifeln). Aus diesem Sterben im Bewusstsein entsteht die Verzweiflung: zwei Personen waren in einer Dualunion verschmolzen, die nur ein Vorbild in der <<Dyade>> Mutter-Kind hat; der Verlust des Libido-Objektes, das gleichzeitig ein starkes Identifikationsobjekt ist, führt nun zu einer echten Verstümmelung des Ichs, zu einer nicht zu unterschätzenden Ich-Katastrophe durch Identitätsverlust (auch dann, wenn die Dualunion angeblich vor allem <<Es-nahe>> war) und somit zu einer beträchtlichen und bedrohlichen Regression des Ichs. Damit der Sieg des Todes nicht absolut werde, damit der Tod im Bewusstsein nicht zum Auslöschen des Bewusstseins werde (Psychose), damit auch auf den Tod im Bewusstsein nicht die physische Auslöschung folge (psychosomatisches Sterben oder Suizid), setzen sofort Abwehrmechanismen ein.

b) Die Aggressivität. Als erster Abwehrmechanismus imponierte uns bei unserer Untersuchung die Aggressivität. Schon frühe psychoanalytische Untersuchungen (Freud, Lagache u. a.) bewiesen, dass die im allgemeinen für <<selbstlos>> gehaltene Trauer in Wirklichkeit auch Aggressivitätsmengen enthalten muss und den Vorwurf verbirgt: <<Wie konntest du mich verlassen?>> Der Aggressivität entspringt in unserer Sicht die Abwertung des Abwesenden. Der Partner entsprach offenkundigen Erwartungen im Ich-Ideal (auch wenn das Bewusstsein seine negativen Seiten registrierte). Nun muss er entwertet werden, damit das zutiefst verletzte Ich sich mit seinem nun erschütterten und enttäuschten Ich-Ideal versöhnen und weiterleben kann. DIe Aggressivität ist in der beschriebenen Situation deshalb ein Abwehmechanismus, weil sie scheinbar eine Desidentifizierung mit dem Objekt (Liebe verwandelt sich in Hass), dabei aber noch immer ein Hängenbleiben am Objekt erlaubt. Im Vorbeigehen sei gesagt, dass das Eingehen des Abwesenden in die Glorie eines Pantheons – also der gleichsam institutionelle Kult des früher Geliebten – eine der primitivsten Weisen ist, seine Aggressivität durch die Zensur des Überichs zu schmuggeln; ferner ist es die sicherste Art, das Sterben des Abwesenden im Bewusstsein durch das Ich annehmen und sogleich für definitiv erklären zu lassen.

c) Die Gleichgültigkeit. Diese ist ein weiterer Abwehrmechanismus, wobei wir diesen Terminus sozusagen aus konventionellen Gründen wählen, denn am besten würde hier das Wort <<Wurstigkeit>> passen. Diese ist in der Situation der Trennung unbedingt und immer als Versuch der Abwehr vorhanden; auch dann, wenn sie mit den übrigen Schichten der Person inkompatibel ist und und daher ihrerseits aus dem Bewusstsein verdrängt und abgewehrt wird. Die Faktoren der <<Wurstigkeit>> sind: vor allem Einbuße des Ich-Ideals, Schwächung des Ichs durch Desidentifizierung und korrelative Inflation des Narzissmus.

d) Flucht nach vorne. Da die <<Wurstigkeit>> dem Überich und dem sich noch wehrenden Ich widerspricht, ist sie außerstande, die Verzweiflung mit Erfolg abzuwehren. Sie trägt Züge einer deutlichen depressiven Hemmung und muss ihrerseits abgewehrt werden. Als neuer Abwehrmechanismus setzt nun die Flucht nach vorne ein. Ist diese Flucht nach vorne vor allem von Seiten des Überichs und zum Zwecke der Aufbewahrung des Ich-Ideals bestimmt, so erscheint sie hauptsächlich als Flucht in die Aktivität, welche immer in dieser Situation vorhanden ist, insbesondere bei Pflichtmenschen und Konformisten. Ein scheinbarer Widerpart ist die mehr vom Es gespeiste Flucht in die Vergnügungssucht. Auch diese ist – manchmal in sehr sublimierter Form – immer vorhanden. Die schwebenden Anteile der Libido suchen neue Objekte. Manche Menschen glauben sogar, einen Ersatz suchen zu müssen. Der Abwehrmechanismus der Verschiebung ist hier ein nicht zu unterschätzendes Element: Man tötet besser, wenn man auch einen Ersatz für den Getöteten bereit hat. Das gekränkte Ich ist trostbedürftig und weiß aus alten Erfahrungen, dass die Lust ein guter Trost sein könnte; hierbei irrt es aber im allgemeinen. Beide Fluchtarten nach vorne bezwecken also, die schwebende Libido, die durch die Abwehr des Ichs gegen die tiefe Regression frei wird, auf neue, dem Überich oder dem Es genehme Objekte zu lenken.
Wir brauchen an dieser Stelle nicht besonders zu betonen, dass die Abwehrmechanismen nicht immer in dieser chronologischen Reihenfolge oder in sauber getrennter Form auftreten. Vielmehr sind sie ineinander verschränkt, sie können sogar miteinander in Konflikt geraten (wie verschiedene Abwehrstellen eines Staates in einem Krieg); sie sind mehr oder weniger bewusst (im allgemeinen mehr unbewusst) und führen erst langsam und manchmal recht unvollständig zu ihrem Ziel.

e) Ideologisierung. Was ist dieses Ziel? Wie sieht die Läuterung aus? Gewiss, sie kommt (wenn man nicht vorher stirbt), sie ist die letztendliche Rationalisierung, die aus der Not (hier buchstäblich zu verstehen: aus der Ich-Katastrophe) eine Tugend macht. Diese Tugend ist vielfältig: stoische Philosophie, heroisches Selbstbewusstsein, milder Skeptizismus, Gottergebenheit: mannigfaltig sind die Larven der Ideologie, die den Tod legitimieren. Auch echte seelische Bereicherung ist möglich (wahrscheinlich viel seltener als die Trostsuchenden und Trostspendenden es annehmen), weil das Leben für sein Fortschreiten die verschiedensten Materialien benutzt. Diese Bereicherung des Lebens ist allerdings kaum in einer mystifizierten Ideologie und einem falschen Bewusstsein zu suchen; viel eher ist sie letztlich doch die Bejahung einer gewissen Rebellion und somit ein partieller Sieg über den Tod. Möglicherweise ist sie daher mehr ein <<Nein>> als ein <<Ja>> zur Trennung.
Auf alle Fälle ist das Problem der Trennung eines derjenigen, die das <<Unbehagen in der Kultur>> am deutlichsten aufzuzeigen vermögen. Aber erst nach Durchführung einer weiteren Untersuchung werden wir auch die Hypothese stützen können, dass die beschriebenen Erscheinungen der Trennung tatsächlich durch die Kräfte des Todes ernährt werden. Diese Relation wird durch eine unterdrückende Gesellschaft vermittelt, die die Verdrängung – ein Bewusstseinssterben – fördert, die Integration der Partialtriebe in der lustvollen Selbstsublimation verhindert und das falsche Bewusstsein propagiert. Auf der anderen Seite aber gehört die Vergesellschaftung selbst zu dem dialektischen Prozess des fortschreitenden Bewusstwerdens des Menschen, zu dem Weg seiner Rückkehr zu sich selbst aus der Entfremdung des falschen Bewusstseins. Wir nehmen uns nicht vor, den Widerspruch zu lösen, sondern nur, diesen Widerspruch an einem bestimmten Phänomen zu demonstrieren. Die Gesellschaft ist Werkzeug der menschlichen Entfremdung, zugleich aber Instrument zur Aufhebung derselben. Einerseits werden wir den unterdrückenden sozialen Strukturen als Verbündeten des Todes begegnen, andererseits werden wir in der Änderung solcher Strukturen eine Voraussetzung für die Aufhebung der letzten Entfremdung – des physischen Todes nämlich – finden.
Dort, wo sich die Natur selbst bewusst wird, muss sie unausweichlich den Tod als aufzuhebende Begrenzung betrachten; so sucht sie dann, mittels des Bewusstseins und der adäquaten Praxis, alle physischen und psychischen Erscheinungen des Todes zu überwinden – Trennung, Verdrängung, Entfremdung.

  • Igor A. Caruso: Die Trennung der Liebenden. Eine Phänomenologie des Todes, München 1974 [1968], S. 27-30.

Igor Alexander Caruso wurde am 04. Februar 1914 in Tiraspol (Russland) geboren und starb am 28. Juni 1981 in Salzburg; Todesursache: Herzversagen

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