Heinrich Heine

„Aber ist das Unglück des Genius immer nur das Werk eines blinden Zufalls, oder entspringt es als Notwendigkeit aus seiner innern Natur und der Natur seiner Umgebung? Tritt seine Seele in den Kampf mit der Wirklichkeit, oder beginnt die rohe Wirklichkeit einen ungleichen Kampf mit seiner Seele?
Die Gesellschaft ist eine Republik. Wenn der Einzelne emporstrebt, drängt ihn die Gesamtheit zurück durch Ridiküle und Verlästerung. Keiner soll tugendhafter und geistreicher sein, als die übrigen. Wer aber durch die unbeugsame Gewalt des Genius hinausragt über das banale Gemeindemaß, diesen trifft der Ostrazismus der Gesellschaft, sie verfolgt ihn mit so gnadenloser Verspottung und Verleumdung, dass er sich endlich zurückziehen muss in die Einsamkeit seiner Gedanken.
Ja, die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach republikanisch. Jede Fürstlichkeit ist ihr verhaßt, die geistige ebensosehr wie die materielle. Letztere stützt nicht selten auch die erstere mehr als man gewöhnlich ahnt. Gelangten wir doch selbst zu dieser Einsicht bald nach der Juliusrevolution, als der Geist des Republikanismus in allen gesellschaftlichen Verhältnissen sich kund gab. Der Lorbeer eines großen Dichters war unsern Republikanern ebenso verhasst wie der Purpur eines großen Königs. Auch die geistigen Unterschiede der Menschen wollten sie vertilgen, und indem sie alle Gedanken, die auf dem Territorium des Staates entsprossen, als bürgerliches Gemeingut betrachteten, blieb ihnen nichts mehr übrig, als auch die Gleichheit des Stils zu dekretieren. Und in der Tat, ein guter Stil wurde als etwas Aristokratisches verschrien, und vielfach hörten wir die Behauptung: Der echte Demokrat schreibt, wie das Volk, herzlich schlicht und schlecht. Den meisten Männern der Bewegung gelang dieses sehr leicht, aber nicht jedem ist es gegeben, schlecht zu schreiben, zumal wenn man sich das Schönschreiben angewöhnt hatte, und da hieß es gleich: das ist ein Aristokrat, ein Liebhaber der Form, ein Freund der Kunst, ein Feind des Volks. Sie meinten es gewiss ehrlich wie der heilige Hieronymus, der seinen guten Stil für Sünde hielt und sich weidlich dafür geißelte.“

Christian Johann Heinrich Heine wurde am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren und starb am 17. Februar 1856 in Paris; Todesursache: Krankheit, umstritten (Syphilis/ Tuberkulose/ Chronische Bleivergiftung/ Amyotrophe Lateralsklerose/ Multiple Sklerose).

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