Albert Camus

An großen Abenteurern des Absurden hat es nicht gefehlt. Doch letztlich misst sich ihre Größe daran, ob sie die Gefälligkeiten des Absurden abgelehnt haben, um allein seine Zumutungen zu bewahren. Sie zerstören für das Mehr, nicht für das Wenigere. „Jene sind meine Feinde, sagt Nietzsche, die sich umstürzen und nicht selbst erschaffen wollen.“ Er stürzt um, doch im Versuch zu erschaffen. […]

Jedenfalls kann die Revolte uns mit keinen anderen Gründen versorgen außer jenen, die am Ende einer Untersuchung ihrer Einstellungen, ihrer Ansprüche und Errungenschaften stehen. In ihren Werken findet sich vielleicht der Leitfaden, den das Absurde uns nicht hat geben können, oder wenigstens ein Hinweis auf das Recht oder die Pflicht zu töten, die Hoffnung zuletzt auf eine Kreation. Der Mensch ist das einzige Wesen, das ablehnt zu sein, was es ist. Die Frage, die es zu beantworten gilt, ist, ob sich jedwede Revolte in der universellen Rechtfertigung des Tötens vollenden muss, oder, im Gegenteil, ob sie ohne den Anspruch an eine unmögliche Unschuld das Prinzip einer zumutbaren Schuld entdecken kann. […]

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Man versteht also, dass die Revolte ohne eine merkwürdige Liebe nicht auskommen kann. Diejenigen, die weder in Gott noch in der Geschichte Ruhe finden können, verurteilen sich dazu für diejenigen zu leben, die wie sie selbst nicht leben können: für die Erniedrigten. Die reinste Bewegung der Revolte krönt sich daher mit dem zerreißenden Schrei Karamasows: wenn sie nicht alle gerettet werden, was nützt da das Wohl eines Einzelnen! […]

Die verrückte Großzügigkeit der Revolte ist jene, die ohne Zögern ihre Liebeskraft gibt und  die Ungerechtigkeit ohne Verzögerung ablehnt. Ihre Ehre ist, nichts zu berechnen und alles an das gegenwärtige Leben ihrer lebendigen Brüder zu verteilen. Auf diese Weise überschüttet sie die kommenden Menschen. Die wahre Großzügigkeit gegenüber der Zukunft besteht darin, der Gegenwart alles zu geben. Dadurch beweist die Revolte, dass sie die Bewegung des Lebens selbst ist, und dass man sie nicht verneinen kann, ohne auf das Leben zu verzichten. Ihr reinster Schrei veranlasst jedes Mal ein Wesen, sich zu erheben. Sie ist folglich Liebe und Fruchtbarkeit, oder sie ist nichts. Die Revolution ohne Ehre, die Revolution des Kalküls, die den abstrakten Menschen dem aus Fleisch und Blut vorzieht, verneint das Dasein so viele Male, wie nötig, setzt gerade das Ressentiment an die Stelle der Liebe. […]

Die Menschen Europas, den Schatten überlassen, haben sich abgewendet von dem Zielpunkt, der strahlt. Sie vergessen für die Zukunft die Gegenwart, die Opfer der Lebewesen für den Qualm der Macht, die Armseligkeit der Vororte für die strahlenden Städte, die alltägliche Rechtsprechung für ein aussichtsloses Gelobtes Land. Sie verlieren die Hoffnung auf persönliche Freiheit und träumen von einer befremdlichen Freiheit der Spezies; lehnen den einsamen Tod ab und heißen Unsterblichkeit einen außergewöhnlichen, kollektiven Todeskampf. Sie glauben nicht mehr an das, was ist, an die Welt und den lebenden Menschen. Das Geheimnis Europas ist, dass es das Leben nicht mehr liebt.

Original:

Les grands aventuriers de l´absurde ne nous ont pas manqué. Mais, finalement, leur grandeur se mesure à ce qu´ils ont refusé les complaisances de l´absurde pour n´en garder que les exigences. Ils détruisent pour le plus, non pour le moins. << Ceux-là sont mes ennemis, dit Nietzsche, qui veulent renverser, et non pas se créer eux-mêmes. >> Lui renverse, mais pour tenter de créer. […]

La révolte, en tout cas, ne pouvait pas nous fournir ses raisons qu´au terme d´une enquête sur ses attitudes, ses prétentions et ses conquêtes. Dans ses oeuvres se trouvent peut-être la règle d´action que l´absurde n´a pu nous donner, une indication au moins sur le droit ou le devoir de tuer, l´espoir enfin d´une création. L´homme est la seule créature qui refuse d´être ce qu´elle est. La question est de savoir si ce refus ne peut l´amener qu´à la destruction des autres et de lui-même, si toute révolte doit s´achever en justification du meurtre universel, ou si, au contraire, sans prétention à une impossible innocence, elle peut découvrir le principe d´une culpabilité raisonnable. […]

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On comprend alors que la révolte ne peut se passer d´un étrange amour. Ceux qui ne trouvent de repos ni en Dieu ni en l´histoire se condamnent à vivre pour ceux qui, comme eux, ne peuvent pas vivre: pour les humiliés. Le mouvement le plus pur de la révolte se couronne alors du cri déchirant de Karamazov : s´ils ne sont pas tous sauvés, à quoi bon le salut d´un seul! […]

Cette folle générosité est celle de la révolte, qui donne sans tarder sa force d´amour et refuse sans délai l´injustice. Son honneur est de ne rien calculer, de tout distribuer à la vie présente et à ses frères vivants. C´est ainsi qu´elle prodigue aux hommes à venir. La vraie générosité envers l´avenir consiste à tout donner au présent.
La révolte prouve par là qu´elle est le mouvement même de la vie et qu´on ne peut la nier sans renoncer à vivre. Son cri le plus pur, à chaque fois, fait se lever un être. Elle est donc amour et fécondité, ou elle n´est rien. La révolution sans honneur, la révolution du calcul qui, préférant und homme abstrait à l´homme de chair, nie l´être autant de fois qu´il est necessaire, met justement le ressentiment à la place de l´amour. […]

Les hommes d´Europe, abandonnés aux ombres, se sont détournés du point fixe et rayonnant. Ils oublient le présent pour l´avenir, la proie des êtres pour la fumée de la puissance, la misère des banlieues pour une cité radieuse, la justice quotidienne pour une vaine terre promise. Ils désespèrent de la liberté des personnes et rêvent d´une étrange liberté de l´espece ; refusent la mort solitaire, et appellent immortalité une prodigieuse agonie collective. Ils ne croient plus à ce qui est, au monde et à l´homme vivant ; le secret de l´Europe est qu´elle n´aime plus la vie.

  • Albert Camus: L´Homme Révolté, Paris 1951, p. 20/22; 364-366.

Albert Camus wurde am 17. November 1913 in Mondovi, Französisch-Nordafrika (heute Dréan, Algerien) geboren und starb am 4. Januar 1960 in Villeblevin, Frankreich; Todesursache: Autounfall auf Beifahrersitz. Es gibt bis heute nicht ausgeräumte Spekulationen um Manipulationen am Fahrzeug.

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