Jörg Fauser

fauserBildquelle: Tagesspiegel

Das Pflaster und der Strand, der Strand der Städte, auch ihr Strandgut, die Besessenen und Berauschten, die Gäste im Café Nirwana und die Pensionisten im Desasterhotel, die ewigen Stromer und die verstrolchten Träumer, die Dämonen der Nacht und die Dichter in der Dämmerung mit und ohne Damen, sie sind Landschaft und Bewohner meiner Phantasien und meiner Erfahrungen, die, es muß gesagt werden, literarische Phantasien und literarische Erfahrungen sind. Denn zwischen Bild und Realität, um mit T.S. Eliot zu sprechen, fällt (und fiel für mich seit ich lesen kann) machtvoll der Schatten, und der Schatten ist für manchen gewiß manches, er ist für mich Literatur.

– Der Strand der Städte

Ambler sagt allenfalls, er sei ein Humanist, aber er fügt hinzu: >>Zu viele Leute ergreifen heute Partei, engagieren sich. Was nottut, ist Leidenschaftslosigkeit, weniger Parteinahme.<< Spätestens jetzt schrecken meine Gesprächspartner auf: >>Und die Umweltzerstörung? AKWs? Und der Frieden?<< Ja, das deutsche Gemüt. Ohne Engagement scheint es nicht richtig zu funktionieren. Vor allem muß es die Welt in gute und schlechte Menschen einteilen können, in Himmel und Hölle, in Neuschwanstein und Auschwitz, in Deutschland erwache und Deutschland verrecke. Das mühsame Ausleuchten der Grautöne ist in diesem Nebelland nicht gefragt. Gar eine Literatur, in der Poeten den Ton angeben, die ihr Leben lang brauchen, um aus der Pubertät zu kommen, muß einen Mann wie Ambler, der über sich spöttelt: >>Da ich kein Intellektueller bin, hat’s nur zu Kriminalromanen gelangt.<<, als Fremdling empfinden. Daß man von ihm das Handwerk lernen kann: Handwerk ist reaktionär. Daß man von ihm Welt lernen kann: Welt ist wir. Ihnen schrieb der Kritiker Aurel Schmidt in einem vorzüglichen Ambler-Artikel ins Stammbuch: >>Es ist eine Literatur, die immer nur auf Literatur Bezug nimmt, und je mehr sie sich in den Kopf zurückzieht, was die gegenwärtige Tendenz zu sein scheint, desto ferner liegt die reale Welt, das heißt, die Welt, an der wir alle partizipieren. Was literarisch dabei entsteht, ist eigentlich nichts anderes als eine >gespenstische Selbstbewegung der Formen, die zu Gebilden sich sammeln, denen kein bekannter Gegenstand entspricht< (Carl Einstein). Bei Ambler dagegen nimmt die Literatur auf das Leben Bezug, und alle Zweifel an der Literatur sind bei ihm wie weggeblasen, vom ersten Satz an, der sofort mitten in die Geschichte hineinführt.<<

– Die Ambler-Lektion

Beides in: Fauser, Jörg: Der Strand der Städte. Blues für Blondinen, Zürich 2009 [1978. 1984].

Jörg Fauser wurde am 16. Juli 1944 in Bad Schwalbach/ Taunus geborennd starb am 17. Juli 1987 zwischen Feldkirchen und München-Riem; Todesursache: „als Fußgänger auf der A 94 bei München von einem Lkw erfasst“ (Wiki)

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