Fjodor M. Dostojewskij

„Und warum sind Sie so fest, so feierlich davon überzeugt, dass einzig das Normale und Positive, mit einem Wort: nur die Glückseligkeit für den Menschen vorteilhaft sei? Sollte da nicht die Vernunft in der Wahl ihrer Vorteile irren? Denn vielleicht liebt der Mensch nicht allein die Glückseligkeit? Und zuweilen liebt der Mensch das Leiden fürchterlich, bis zur Leidenschaft. Das ist eine Tatsache. Dabei ist man nicht einmal auf die Weltgeschichte angewiesen; fragen sie sich selbst, falls Sie ein Mensch sind und falls Sie auch nur ein bisschen gelebt haben. Was meine persönliche Meinung betrifft, so ist die Liebe zur puren Glückseligkeit sogar irgendwie unanständig. Mag es gut oder schlecht sein – einmal etwas zu zerbrechen, ist ebenfalls äußerst angenehm. Ich bin eigentlich nicht für das Leiden, aber auch nicht für die Glückseligkeit. Ich bin… für meine Laune und dafür, dass ich sie jederzeit haben kann. Das Leiden wird zum Beispiel in Vaudevilles nicht zugelassen, das weiß ich wohl, im Kristallpalast ist es völlig undenkbar: Leiden ist Zweifel, ist Verneinung; was aber wäre das für ein Kristallpalast, wo man noch zweifeln könnte? Indessen bin ich davon überzeugt, dass der Mensch auf wirkliches Leiden, das heißt auf Zerstörung und Chaos, niemals verzichten wird. Das Leiden – das ist ja der einzige Grund des Bewusstseins. Habe ich auch anfangs behauptet, dass das Bewusstsein meiner Meinung nach für den Menschen das größte Unglück ist, so weiß ich doch, dass der Mensch es liebt und es gegen keinerlei Befriedigung eintauschen würde. So steht das Bewusstsein beispielsweise unendlich höher als zwei mal zwei. Nach dem Zwei-mal-zwei, versteht sich, bleibt nicht nur nichts mehr zu tun, sondern auch nichts mehr zu erkennen übrig. Alles, was dann noch möglich sein wird, ist – seine fünf Sinne verstopfen und in Kontemplation versinken. Nun, und wenn man für das Bewusstsein auch zum selben Ergebnis kommt, nämlich, dass nichts mehr zu tun sei, so kann man sich wenigstens zuweilen selbst auspeitschen und das belebt immerhin. Es ist zwar rückständig, aber besser als nichts.“

  • Fjodor Michailowitsch Dostojewskji, Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, Stuttgart 1984, S. 38/39.

Fjodor Michailowitsch Dostojewskij wurde am 30. Oktober 1821 in Moskau geboren und starb am 28. Januar 1881 in St. Petersburg; Todesursache: Lungenemphysem (Überblähung der Lungen)

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Eine Antwort zu Fjodor M. Dostojewskij

  1. Kl_Tr schreibt:

    Amüsant unter der Überschrift „Mehr Realität“ einen Ausschnitt aus Dostojewskis Kellerlochmenschen zu lesen. Ist es doch der Kellerlochmensch, der sich der Realität nur bedingt stellt und sie mit seiner eigenen subjektiven Realität vermischt und sich damit nichts Gutes tut.

    Vielleicht soll es aber die Ansprache an den Kellerlochmenschen sein, aus seinem fatalistischen Loch zu steigen oder zumindest mal herauszuschauen. Und sich der der Realität vielfältiger zu stellen.

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