Friedrich Nietzsche

Der Mensch hat allzu lange seine natürlichen Hänge mit >>bösem Blick<< betrachtet, so dass sie sich ihm schließlich mit dem >>schlechten Gewissen<< verschwistert haben. Ein umgekehrter Versuch wäre an sich möglich – aber wer ist stark genug dazu? – nämlich die unnatürlichen Hänge, alle jene Aspirationen zum Jenseitigen, Sinnenwidrigen, Instinktwidrigen, Naturwidrigen, Thierwidrigen, kurz die bisherigen Ideale, die allesamt lebensfeindliche Ideale, Weltverleumder-Ideal sind, mit dem schlechten Gewissen zu verschwistern. An wen sich heute mit solchen Hoffnungen und Ansprüchen wenden?… Gerade die guten Menschen hätte man damit gegen sich; dazu, wie billig, die bequemen, die versöhnten, die eitlen, die schwärmerischen, die müden… Was beleidigt tiefer, was trennt so gründlich ab, als etwas von der Strenge und Höhe merken zu lassen, mit der man sich selbst behandelt? Und wiederum – wie entgegenkommend, wie liebreich zeigt sich alle Welt gegen uns, so bald wir es machen wie alle Welt und uns >>gehen lassen<< wie alle Welt!… Es bedürfte zu jenem Ziele einer andren Art Geister, als gerade in diesem Zeitalter wahrscheinlich sind: Geister, durch Kriege und Siege gekräftigt, denen die Eroberung, das Abenteuer, die Gefahr, der Schmerz sogar zum Bedürfnis geworden ist; es bedürfte dazu der Gewöhnung an scharfe hohe Luft, an winterliche Wanderungen, an Eis und Gebirge in jedem Sinne, es bedürfte dazu einer Art sublimer Bosheit selbst, eines letzten selbstgewissen Muthwillens der Erkenntniss, welcher zur grossen Gesundheit gehört, es bedürfte, kurz und schlimm genug, eben dieser grossen Gesundheit!… Ist diese gerade heute auch nur möglich? … Aber irgendwann, in einer stärkeren Zeit, als diese morsche, selbstzweiflerische Gegenwart ist, muss er uns doch kommen, der erlösende Mensch der grossen Liebe und Verachtung, der schöpferische Geist, den seine drängende Kraft aus allem Abseits und Jenseits immer wieder wegtreibt, dessen Einsamkeit vom Volke missverstanden wird, wie als ob sie eine Flucht vor der Wirklichkeit sei -: während sie nur seine Versenkung, Vergrabung, Vertiefung in die Wirklichkeit ist, damit er einst aus ihr, wenn er wieder an´s Licht kommt, die Erlösung dieser Wirklichkeit heimbringe: ihre Erlösung von dem Fluche, den das bisherige Ideal auf sie gelegt hat. Dieser Mensch der Zukunft, der uns ebenso vom bisherigen Ideal erlösen wird, als von dem, was aus ihm wachsen musste, vom grossen Ekel, vom Willen zum Nichts, vom Nihilismus, dieser Glockenschlag des Mittags und der großen Entscheidung, der den Willen wieder frei macht, der der Erde ihr Ziel und den Menschen ihre Hoffnungen zurückgiebt, dieser Antichrist und Antinihilist, dieser Besieger Gottes und des Nichts – er muss einst kommen…

  • Genealogie der Moral

„Alles Unheimliche der Zukunft, und was je verflogenen Vögeln Schauder machte, ist wahrlich heimlicher noch und traulicher als eure >>Wirklichkeit<<./ Denn so sprecht ihr: >>Wirkliche sind wir ganz, und ohne Glauben und Aberglauben<<: also brüstet ihr Euch – ach, auch noch ohne Brüste!/ Ja, wie solltet ihr glauben k ö n n e n, ihr Buntgesprenkelten! – die ihr Gemälde seid von Allem, was je geglaubt wurde!/ Wandelnde Widerlegungen seid ihr des Glaubens selber, und aller Gedanken Gliederbrechen. U n g l a u b w ü r d i g e: also heisse ich euch, ihr Wirklichen!/ Alle Zeiten schwatzen wider einander in euren Geistern; und aller Zeiten Träume und Geschwätz waren wirklicher noch als euer Wachsein ist!/ Unfruchtbare seid ihr: d a r u m fehlt es euch an Glauben. Aber wer schaffen musste, der hatte auch immer seine Wahr-Träume und Stern-Zeichen – und glaubte an Glauben! -/ Halboffne Thore seid ihr, an denen Todtengräber warten. Und das ist eure Wirklichkeit: >>Alles ist werth, dass es zu Grunde geht.<<

Zarathustra, Zweiter Theil, Vom Lande der Bildung

„Jenes ungeheure Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich klammernd der bedürftige Mensch sich durch das Leben rettet, ist dem freigewordnen Intellekt nur ein Gerüst und ein Spielzeug für seine verwegensten Kunststücke: und wenn er es zerschlägt, durcheinanderwirft, ironisch wieder zusammensetzt, das Fremdeste paarend und das Nächste trennend, so offenbart er, dass er jene Notbehelfe der Bedürftigkeit nicht braucht und dass er jetzt nicht von Begriffen, sondern von Intuitionen geleitet wird. Von diesen Intuitionen aus führt kein regelmäßiger Weg in das Land der gespenstischen Schemata, der Abstraktionen: für sie ist das Wort nicht gemacht, der Mensch verstummt, wenn er sie sieht, oder redet in lauter verbotenen Metaphern und unerhörten Begriffsfügungen, um wenigstens durch das Zertrümmern und Verhöhnen der alten Begriffsschranken dem Eindrucke der mächtigen gegenwärtigen Intuition schöpferisch zu entsprechen. […] Es gibt Zeitalter, in denen der vernünftige und der intuitive Mensch nebeneinanderstehen, der eine in Angst vor der Intuition, der andere mit Hohn über die Abstraktion, der letztere ebenso unvernünftig, als der erstere unkünstlerisch ist. Beide begehren, über das Leben zu herrschen; dieser, indem er durch Vorsorge, Klugheit, Regelmäßigkeit den hauptsächlichen Nöten zu begegnen weiß, jener, indem er als ein >>überfroher Held<< jene Nöte nicht sieht und nur das zum Schein und zur Scheinbarkeit verstellte Leben als real nimmt.“

  • Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn, in: Erkenntnistheoretische Schriften.

„Wer etwas Neues wirklich kennenlernen will – sei es ein Mensch, ein Ereignis, ein Buch – der tut gut, dieses Neue mit aller möglichen Liebe aufzunehmen, von allem, was ihm daran feindlich, anstößig, falsch vorkommt, schnell das Auge abzuwenden, ja es zu vergessen. So daß man z. B. dem Autor eines Buches den größten Vorsprung gibt und, geradezu wie bei einem Wettrennen, mit klopfendem Herzen danach begehrt, daß er sein Ziel erreiche. Mit diesem Verfahren dringt man nämlich der neuen Sache bis an ihr Herz, bis an ihren bewegenden Punkt: Und dies heißt eben, sie kennenlernen. Ist man soweit, so macht der Verstand hinterdrein seine Restriktionen.

Friedrich Wilhelm Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen geboren und starb am 25. August 1900 in Weimar; Todesursache: Schlaganfälle, Lungenentzündung nach langjähriger Umnachtung (umstrittene Spekulation: Paralyse in Folge von Syphilis)

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